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Vor Kurzem hatte ich das Vergnügen und durfte bei einer Leserunde von LovelyBooks zu dem Buch „Frankfurt Ripper“ mitmachen. Ich kann sagen, dass dieses Buch mich gleichermaßen schockiert als auch beeindruckt hat. Der Autor zeigt auf eine sehr drastische Art, welches krankhafte Wesen in so einem Serienkiller schlummert. Aber nicht nur, dass er ein Buch darüber geschrieben hat, er bloggt auch als virtueller Serienkiller über die Taten. Die Reaktionen darauf sind sehr unterschiedlicher Natur. Darüber und auch, was den Autor zu diesem Buch bewegte, möchte ich Martin Olden heute befragen:

Zum Autor:


Martin Olden heißt mit bürgerlichem Namen Marc Rybicki. Er lebt in Frankfurt und arbeitet u. a. als Hörbuchsprecher, Autor und Filmkritiker für das Feuilleton der „Frankfurter Neuen Presse“. Sein erstes Buch erschien 2011, damals schrieb er noch Kinderbücher, mittlerweile ist er aber ins Thrillergenre gewechselt und damit recht erfolgreich. Wer gern mehr über den Autor wissen möchte, der kann sich auf seiner Webseite http://www.sonnige-sendung.de/ umsehen!


Das Interview:

Hallo Marc,

zu aller erst die Frage, heute schon gebloggt?

:-) Nein, heute noch nicht. Obwohl ich zwei Blogs pflege. Zum einen den Blog zum „Frankfurt Ripper“ Roman (frankfurtripper.wordpress.com), zum anderen „Ginas Gedanken“ (ginasgedanken.wordpress.com), in dem ich die Welt und das manchmal etwas merkwürdige Verhalten der „Zweibeiner“ aus Sicht meiner Golden Retriever Hündin Gina betrachte.

In Deinem Buch „Frankfurt Ripper – Aus dem Leben eines Serienkillers“ geht es um einen Mann, der ein Doppelleben führt: Einerseits der nette Nachbar von nebenan und andererseits der brutale Mörder. Im Gespräch konnte ich bereits feststellen, dass Dich das Thema sehr fasziniert. Warum?

Es fasziniert mich deshalb, weil mein Protagonist Klaus Scholz den netten Nachbarn von nebenan nicht „spielt“, wie eine Rezensentin schrieb, sondern ein netter Nachbar ist. Gleichzeitig aber, tötet er Menschen auf bestialische Weise. Serientäter sind häufig in ihrer Umgebung sehr beliebt, wie beispielsweise der deutsche Mörder Karl Denke, genannt „Papa“ Denke. Er war ein Vorbild bei der Gestaltung von Klaus Scholz. Die Nachbarn und vor allem die Kinder liebten Denke. Sie wussten ja nicht, dass sich in seinem Keller die Leichenteile stapelten. Sich mit dieser Dualität im Menschen auseinanderzusetzen, seiner Fähigkeit zu größter Güte ebenso wie abgrundtiefem Sadismus, ist sehr spannend. Weil wir dadurch etwas über uns selbst lernen können. Wir alle tragen schöpferisches und zerstörerisches Potential in uns. Der Mensch kann Jesus sein oder Hitler, überspitzt formuliert. Welche Rolle wir wählen, ist unsere Entscheidung. Klaus hätte kein Mörder werden müssen. Trotz seiner schwierigen Biografie, die er mit anderen teilt, aus denen keine Täter wurden. Also warum wählte er den Weg des Mörders? Ich stelle im Buch mehrere Erklärungsansätze vor, doch letztlich bleibt das Phänomen des „Bösen“ ein Mysterium, das niemand hundertprozentig enträtseln kann.   

Was genau hat Dich letztendlich dazu bewogen das Buch aus Sicht des Killers zu schreiben?

Die „Ich“ Form ist unmittelbar. Sie löst die Distanz zwischen den Lesenden und der Romanfigur auf. Man dringt tiefer in die Gedankengänge der Hauptfigur ein und verschmilzt im Idealfall mit ihr. Diese Erzählhaltung ist besonders reizvoll, wenn wir in das Hirn eines Menschen eindringen, der uns aufgrund seiner Handlungen so fremdartig erscheint wie Klaus Scholz. Wir kommen ihm dadurch ein Stück weit näher. Außerdem ist die „Ich“ Form eine Referenz an mein literarisches Vorbild Raymond Chandler, der seinen Detektiv Philip Marlowe als „Ich“ Erzähler auftreten ließ.

Zu dem Buch bzw. den darin vorkommenden Taten gibt es ja auch einen eigenen Blog. Warum hast Du diesen „drastischen“ Schritt unternommen und die Taten dort „noch einmal“ in allen Einzelheiten veröffentlicht?

Das hatte zwei Gründe. Ich wollte im Selbstversuch testen, ob die These, die ich im Roman aufstelle, stimmt. Nämlich, dass sich die Web-Gemeinde nicht dafür interessiert bzw. nicht alarmiert reagiert, wenn jemand in einem Blog behauptet: ich habe gerade im Wald einen Mann mit einem Hammer erschlagen und es war ein geiles Gefühl! Die Realität war dabei noch erschreckender als meine Fiktion. Denn ich bekam zwar recht schnell Klicks auf die Seite, aber deutlich weniger Kommentare als Klaus im Buch – und wenn, dann war es blanker Blödsinn. Der andere Grund des Blogs war natürlich, ein Interesse für das Thema zu generieren und Aufmerksamkeit zu schaffen, um das Buch zu bewerben. Mein Vorbild waren dabei die Produzenten des Horrorfilms „Blair Witch Project“, die monatelang über die angeblich wahre Geschichte einer Hexe im Internet schrieben – bis irgendwann klar war, dass es um einen Kinofilm geht.

Die Reaktionen auf die Postings sind ja nicht immer nett oder positiv. Wie reagierst Du darauf bzw. was denkst Du über diejenigen, die solche Einträge geradezu anheizt bzw. die diese Taten für gut befinden?

Es zeigt, wie abgestumpft Teile der Gesellschaft sind. Und wie egozentrisch. Solange sie ein Leid nicht betrifft, können sie prima über das Schicksal anderer Menschen lästern – und dank Internet geschieht das heute ganz anonym, verborgen hinter Nick-Names. Aus dieser sicheren Deckung lässt es sich prima feuern und die Blog-Kommentatoren leben ungestraft ihre niederen Instinkte aus. Auch sie sind Täter – auf ihre Weise. So ist die Welt, in der Klaus Scholz lebt, nicht minder gewalttätig als der Killer selbst. Da wird zwar nicht offen mit der Axt gemeuchelt, aber heimtückisch und versteckt mit Worten. Insbesondere der Hass auf Migranten ist ein wiederkehrendes Thema im Buch.

Denkst Du, dass in der virtuellen Welt und der Vielzahl der Foren, Soziale Webseiten etc. solche Täter es heutzutage einfach haben, unentdeckt zu bleiben?

Bei Serienkillern gibt es generell eine hohe Dunkelziffer, weil sie in der Regel in Großstädten auftreten. Dort ist eine gewisse Grundanonymität gewahrt. Wer weiß in manchen Wohnsilos in Frankfurt, Berlin oder Hamburg noch, wer neben ihm lebt? Das Internet bietet natürlich noch weitere zahllose Möglichkeiten, seine Triebe und Fantasien auszuleben. Dazu muss man nicht mal Menschen mit den eigene Händen umbringen. Es genügt ja auch das Cyber-Mobbing oder der Shitstorm, den der Philosoph Richard David Precht mit Recht als Guillotine des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Ich würde mir diesbezüglich mehr Aufklärungsunterricht an Schulen wünschen, damit Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle und respektvolle Nutzung des Internets beigebracht wird. Das Netz bietet ja auch sehr, sehr viele kreative, bildende und verbindende Chancen.

Als Du das Buch geschrieben hast, wie gingst Du dabei vor? Hat die Recherche lange gedauert?

Oh, die komplette Entstehungsgeschichte wäre ein eigenes Interview wert :-) „Frankfurt Ripper“ ist nämlich ein Buch, das ich zwar geschrieben habe, doch unter keinen Umständen veröffentlichen wollte! Die Kurzform: ich wollte die Geschichte eines jungen Journalisten und Autors erzählen, der tötet, um populär zu werden. Hintergrund war ein Wikipedia Artikel, den ein Freund über mich anlegte, als mein erstes Kinderbuch erschien. Dieser Artikel wurde binnen kurzer Zeit gelöscht wegen Irrelevanz. Ich fand es frustrierend, dass ich irrelevant war, aber Wikipedia jedem Menschen, der irgendwann mal einem anderen das Messer ins Kreuz rammte, seitenweise Platz zur Verfügung stellt. Daraufhin schrieb ich mein Buch mit dem damaligen Titel „Krank“. Meinem Verleger gefiel es und meinem Vater. Die Mehrheit meiner überwiegend weiblichen Test-Leser war jedoch abgestoßen und setzte mich auf merkwürdige Weise mit dem Täter im Roman gleich. Daraufhin schwor ich mir, das Buch nicht zu veröffentlichen. Ich wollte nicht, dass mir das Image des Irren anhaftet – zumal ich ja auch weiter Kinderbücher schrieb. Der Wendepunkt kam, als ich eine Doku über Alfred Hitchcock sah. Auch er zögerte damals, ob er „Psycho“ drehen sollte, der viel düsterer und brutaler war als all seine bisherigen Werke. „Hitch“ traute sich – und hatte Erfolg. Ich wollte mir die Möglichkeit nicht entgehen lassen, dass mein Buch vielleicht viel mehr Menschen gefallen könnte als ich dachte. Aber der Protagonist musste ein anderer werden, durfte mit mir und meinem Hintergrund keine Ähnlichkeit mehr haben, damit der Lesende mich nicht doch mit ihm verwechselt. Als ich die Figur des 60-jährigen Frührentners Klaus Scholz im Kopf hatte, ging der Rest ganz schnell. Innerhalb von sechs Wochen habe ich das Manuskript um- bzw. größtenteils komplett neu geschrieben. Die Recherche dauerte gar nicht mal so lange, weil ich mich seit meinem 16. Lebensjahr mit dem Thema Serienmörder beschäftige. Seit ich das Buch „American Psycho“ gelesen und den Film „Das Schweigen der Lämmer“ gesehen habe.    

Die Frankfurter Presse war ja sehr angetan von Deinem Buch, es hieß Frankfurt hätte nun seinen eigenen Serienkiller. Bist Du stolz darauf und was erhoffst Du Dir, mit diesem Buch zu erreichen?

Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt: es gibt keinen Schriftsteller, der nicht nach Bestätigung und Anerkennung sucht. Insofern freue ich mich über jeden Artikel und alle Rezension, die über das Buch erscheinen. Besonders begeistert bin ich darüber, dass „Frankfurt Ripper“ bei den Frauen so gut ankommt, wie mir die Reaktionen auf LovelyBooks gezeigt haben. Anscheinend habe ich beim Umschreiben des Manuskripts den richtigen Ton getroffen, wenn jetzt die Gruppe das Buch mag, die es anfangs (zumindest in meinem Bekanntenkreis) abgelehnt hat.
Was ich erreichen möchte? Nun, dass wir ein bisschen über uns nachdenken. Kennen wir unseren Nachbarn so gut wie die Zahl unserer Facebook Freunde? Wir haben heute die Möglichkeit, per Knopfdruck mit der ganzen Welt zu kommunizieren, sollten darüber aber nicht verlernen, echte Gespräche zu führen und dem anderen zuzuhören. Gerade innerhalb der sozialen Netzwerke wird die Kommunikation auf das Wesentliche verknappt – und das Wesentliche scheint das eigene Ego, die persönliche Befindlichkeit zu sein. Facebook, Twitter und Co. sind Schaubühnen für Selbstdarsteller. Jeder meint, er habe furchtbar wichtige Dinge mit der Welt zu teilen – das seine Spaghettis verkocht sind oder der Goldhamster Junge kriegt. Wer sieht bei dieser Flut nutzloser Informationen noch richtig hin? Wer liest, was zwischen den Zeilen steht? Wen kümmert die Einsamkeit, die Sehnsucht, die verborgene Fantasie seines Nächsten? Heute sucht Deutschland den Superstar – und morgen vielleicht den Superkiller. Da würden sich auch viele Menschen beteiligen, in der Hoffnung endlich bekannt zu werden. Prominent zu sein, so wird uns suggeriert, ist das entscheidende Kriterium für ein glückliches Leben. Dabei ist jeder Mensch auf seine Art etwas Besonderes.

Gehen wir mal an Deine Anfänge als Autor. Du hast ja ursprünglich Kinderbücher geschrieben, bevor Du dann ins Thrillergenre gewechselt hast. Wieso dieser Wechsel? Wirst Du auch weiterhin Kinderbücher schreiben?

Ja, ich werde auch den Kinderbüchern treu bleiben. Nur eine Sparte zu bedienen, ist mir zu eintönig. Außerdem hat jeder Mensch zwei Seiten, wie wir Anfangs schon festgestellt haben. Ich auch. In den Krimis und Thrillern lebe ich ungestraft meine dunkle Seite aus :-)
Generell denke ich nicht so sehr in Genre-Kategorien. Wenn mich eine Geschichte reizt, dann will ich sie erzählen. Ich kann mir gut vorstellen, auch mal einen Fantasy Roman zu schreiben. Jedoch mehr in Richtung „Conan, der Barbar“ als „Harry Potter“.

Arbeitest Du bereits an einem neuen Buch und falls ja, würdest Du ein klein wenig darüber verraten?

Im kommenden Jahr werden die Abenteuer von Hauptkommissar Bernd Steiner fortgesetzt, dem Protagonisten meines Krimi-Debüts „Gekreuzigt“, das im Mai diesen Jahres erschienen ist. Der mainbook Verlag startet eine Ebook Reihe, zunächst bestehend aus drei Teilen, die es später auch als Taschenbuch-Sammelband geben wird. Am dritten Teil dieser Reihe schreibe ich gerade. Parallel dazu schreibe ich ein neues Kinderbuch, gemeinsam mit einer Autoren-Kollegin. Darin geht es um die Freundschaft zwischen einem Wolf und einem Raben und die Überwindung von Vorurteilen zwischen unterschiedlichen „Rassen“ bzw. Kulturen.

Zu guter Letzt noch die Frage, was macht ein Martin Olden, wenn er mal nicht schreibt?

Dann veranstalte ich Lesungen :) Kleiner Scherz. Ich bin zwar zu vielen Lesungen unterwegs, derzeit mit meinem aktuellen Kinderbuch „Wo ist der Tannenbaum?“, aber ich habe auch ein Privatleben. Ich gehe gerne mit meinem Hund spazieren, mache Kraftsport, lese, höre Musik und rauche Pfeife. Das mache ich übrigens auch beim Schreiben. Ich formuliere keinen Satz ohne Pfeife! :-)

Vielen Dank Martin für das offene Interview und alles Gute für die Zukunft. Ich hoffe, dass wir noch einiges von Dir hören werden.

© Cornelia Bruno, Solitarys-Buecherecke, Marc Rybicki

Kommentare  

 
0 #1 BeatriX PETRIKOWSKI 2014-04-10 09:28
Ich hoffe auch, dass wir noch einiges von ihm hören. Allerdings mit weniger grausamkeiten, die einige leser abschrecken.
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